Lincoln und Cadillac Town Car Custom

Lincoln und Cadillac Town Car Customs

 

Town Car Option

 

Maßstab 1:25

Town Car’s oder Landauer / Landaulets sind eine Kutschform bzw. herrschaftliche Ausführung von Autos aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts, bei der der Kutscher bzw. Chauffeur im Freien sitzt und den Unbillen der Witterung ausgesetzt ist, während die Herrschaften luxuriös unter Dach und Fach sitzen. Früher war auch die Frage Leder oder Stoff andersrum besetzt. Der Fahrer (wir erinnern uns: bei jedem Wetter im Freien) saß auf rustikalem Leder und drinnen wurde auf Brokat oder anderen edlen Stoffen gewohnt. Heute sind Ledersitze die edlere und teurere Alternative.

Nach dem II. Weltkrieg starben die Town Cars aus und wurden nur als Showcars ab und zu noch umgebaut. Der 68er Lincoln Continental von AMT beinhaltete als Option eine hinreißende Town Car-Variante mit Vinyldach und sogar Vinylabdeckung für den Kofferraum. Das Dach musste über dem Fahrer- und Beifahrersitz entfernt werden und der vordere Dachabschluss vor der Trennscheibe erhielt einen massiven Chrombügel. Der Customgrill wurde später so ähnlich von den Serien Continental’s übernommen. Vom 66er bis zur 69er Ausführung bot AMT jedes Jahr diese Variante an. Da ich zwei 68er habe (den zweiten leider noch ungebaut) entschloss ich mich zunächst für die Town Car-Variante


Beim ganzen Auto wurde (für mich sehr ungewöhnlich) kein bausatzfremdes Teil verbaut. Alle Zurüstteile (Rücklichter, hidden headlights etc.) entstammen dem Kit und sitzen dort, wo es der Bauplan haben möchte. Das ganze Ding wurde in silber / rauchsilber / schwarzes Vinyl lackiert und sieht ziemlich bombastisch aus. Der 68er Lincoln ist ja beileibe kein Kleinwagen!


Der „Bad to the Bone“ 70er Cadillac ist kein richtiges Town Car, sondern eher ein „Full Custom“, aber das Thema ‚Fahrer kann Regen genießen, hinten ist es dafür kuschlig und trocken‘ passt auch hier. Das Ganze entspringt einer Idee, die beim Studium amerikanischer Car-Model-Magazine aus den 60ern geboren wurde. Zum Glück fiel mir mal ein ganzer Stapel in die Hände. Dort hatte jemand eine Zeichnung für einen MoToWn Cadillac Custom für die Surpremes plaziert und zwar für den damals brandneuen 67er Eldorado. 


Ich habe zwar einen gebauten, aber das Teil ist so selten und teuer, dass nicht mal ich mich trauen würde, den zu customisen. Aber der Jo-han 70er sieht bis auf modellgepflegte Details genau so aus, kostete nur einen Bruchteil vom 67er und so mussten (aus Gründen, die ich noch erläutern werde) zwei dran glauben – wie meistens. Zunächst kam wieder mal die Säge zum Einsatz: Vorderes Dachteil ade. Dann hinter der Türkante ca. 5 mm Dach stehen lassen und mit Plastikstreifen an der Seite aufdoppeln und bündig mit der Gürtellinie verschleifen. Dadurch entsteht ein Bügel, hinter dem wieder ein ca. 5 mm breiter Schlitz gesägt wurde, der mit Klarsichtmaterial (nach dem Lackieren) geschlossen wurde. Das Heckfenster wurde geschlossen und nur ein kleines Rückfenster implantiert. Das Dachfenster und das kleine Heckfenster sind mit Tamiya Window Tinter getönt. Die Cadi Rücklichter müssen doppelt nach hinten unten für den pfeilförmigen Look angeordnet werden. Also von einem zweiten abschneiden und spiegelverkehrt unten dran einfügen, was auch ein pfeilförmiges Heckabschlussblech ergibt. Sieht sehr logisch aus.

Als Customteil liegt dem Kit eine Dreisitzerbank bzw. Dreiereinzelsitze bei. Aber wenn sowieso ein zweiter dran glauben muss, kann natürlich die zweite auch verwendet werden und so hat das Ding 6 Einzelsitze. Die vorderen Kotflügel wurden bis in die Tür hinein mit Streifen aus einer Plastikpralinenschachtel aufgedoppelt und die speziellen Radläufe angespachtelt und bis zur Erschöpfung gefeilt und geschliffen. Die Räder gab es als Zurüstoption von Otaki. 


Die Motorhaube wurde schmäler gesägt und die abgeschnittenen entstandenen Streifen tiefer fest eingeklebt. Die Kotflügel wurden nach vorne verlängert indem die Customlampen eines 65er Buick Riviera samt Periferie vorne aufgeklebt, verspachtelt und verschliffen wurden. Die Lufteinlassgitter wurden aus dem originalen Kühlergrill gesägt. Auch die Schnauzenspitze wurde angefertigt und mit einer Verglasung aus einer Plastikschachtel gesägt versehen. Das Logo ist lt. Car-Model-Magazin frei wählbar und so heißt meiner halt ‚Bad to the Bone‘ nach einem Songtitel von George Thorougood. 


Die Frontscheibe hat nur dünne angesetzte „A-Säulchen“ und ist etwas in der Höhe gekürzt. Aus einer Echtfahrzeuglackierung ist mir mal ein bisschen blaustichiger Perlmuttlack zugelaufen - gerade so viel, dass es für den Wagen gereicht hat. Nach der Lackierung mit weißem Autolack wurde das Pearl mit der Spritzpistole aufgetragen und mit etlichen Lagen Klarlack versiegelt. Das Lenkrad entstammt auch dem 65er Buick, ist durchsichtig und mit roter Glasmalfarbe gefärbt. 

Der kupferfarbene 67er Eldorado hat schon etliche Jahre auf dem Buckel und entstammt noch der Vor-Baremetalfoilzeit. Wurde aber von einem bekannten Künstler gebaut und so möchte ich ihn nicht auf den neuesten Stand aktualisieren. Der blaugraue 68er ist ein originales Friktionpromo in einwandfreiem Originalzustand.

 Friktions waren die Nachverwertung von Promoformen. Nachdem ein Autojahrgang erledigt war und durch ein neues Modell ersetzt wurde, wollte natürlich auch niemand mehr ein Vorjahrespromo haben. Und so wurden neue Bodenplatten mit Friktionsantrieb eingesetzt und als Spielzeug verkauft. Heutzutage genauso gesucht wie Originalpromos. Um neue Modelle wurde in den 50er und 60er Jahren ein richtiger Kult aufgezogen. Die neuen Modelle standen beim Händler, aber abgedeckt, niemand durfte sie sehen. Natürlich waren aber alle aufgeregt und neugierig bis endlich der lange angekündigte Präsentationstag da war. Die einschlägige Industrie bekam rechtzeitig Blaupausen, hauptsächlich AMT und Jo-han, früher Bantrico. Dadurch dass Originalpromos nach originalen Blaupausen gefertigt wurden, flossen letzte Änderungen kurz vor Fertigungsstart nicht mehr mit ein und so kommt’s, dass Promos und auch Bausätze manchmal etwas anders sind als das tatsächliche Auto. Zum Beispiel der 60er Desoto oder der 62er Dodge Dart. Betrifft aber nur Marginalien wie eine Zierleiste hier oder da etwas anders. Die Buben drückten sich natürlich an den Showroomscheiben die Nasen platt und bekamen vom Händler ein Promo, um daheim dem Papa zu zeigen, was er als nächstes kaufen muss, um dem Nachbarn zu zeigen, wo der Hammer hängt. 


Modelle, Text und Bilder: Günther Eberhardt, München

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Kommentare: 2
  • #1

    Gerhard (Donnerstag, 30 November 2017 19:41)

    Andere träumen von irgendwelchen gewagten Projekten - Günther macht´s einfach! Unglaublich, in welcher Vielfalt und Bandbreite dieses Plastikchirurgie-Genie ein phantastisches Objekt nach dem anderen raushaut! Bitte bleib dabei, Günther, denn wer Deine atemberaubende Sammlung kennt, weiß, dass dort noch Stoff für viele hundert hoch interessante Berichte lagert - bloß nicht locker lassen, wir wollen alles sehen!

  • #2

    Oliver Löbert (Freitag, 01 Dezember 2017 18:29)

    Der "Bad to the bone" ist für mich stilistisch sehr gelungen. Er setzt die Linien des Basisdesigns konsequent fort ohne zu übertreiben oder kitschig zu wirken. So hätte das ursprüngliche Showcar das als Vorläufer für die 67er Serienmodelle dient einmal aussehen können. In der Serie wurden damals die Grundelemente der Showcars oft in abgemilderter
    Form übertragen.