1962 Dodge Custom 880

1962 Dodge Custom 880

 

Projekt 880

 

Eigenbau: 1962er Dodge Custom 880, Jo-Han/XEL, Maßstab 1:25 

Mit dem ´62er Chrysler 300 von Jo-Han, dem ´61er Dodge Dart Phoenix von XEL und ein bisschen Plastik-Chirurgie lässt sich eine längst vergessene Fußnote der amerikanischen Automobil-Geschichte im Maßstab 1:25 nachbilden: Der Dodge Custom 880 von 1962, ein aus der Not geborenes Provisorium.

DAS PROBLEM

 

1962 war kein gutes Jahr für die Chrysler-Division Dodge: Das radikale Downsizing der bisherigen FullSize-Serien Dart und Polara auf nahezu Compact Car-Format und das vom kleinen Valiant inspirierte „Fender Blade“-Styling verschreckte die überwiegend konservative Kundschaft ganz erheblich. Selbst die eindeutigen Vorteile der deutlich kleineren, handlicheren und sparsameren Fahrzeuge vermochten das fehlende Image der geschrumpften Karossen und des eigenwilligen Stylings nicht auszugleichen.

Erschwerend kam hinzu, dass die seit dem Jahr 1961 eingestellte Marke DeSoto, in der ChryslerHierarchie unmittelbar über Dodge angesiedelt, eventuelle Aufsteiger nicht mehr mit den begehrten großen Limousinen für kleines Geld bedienen konnte. Wer von den nunmehr als viel zu klein empfundenen Dodges in den Full-Size-Himmel aufsteigen wollte, musst gleich zwei Preisklassen überspringen, um sich den billigsten Chrysler, das Modell „Newport“ leisten zu können.

So zeichnete sich bereits kurz nach der Vorstellung des ´62er Dodge-Jahrgangs im Oktober 1961 ab, dass viele bisher treue Autofahrer die neue Größe von Dart und Polara sowie deren gewöhnungsbedürftige Linien nicht akzeptierten. Den Dodge-Händlern liefen die Kunden buchstäblich davon und zu anderen Marken, meist Chevrolet oder Ford über, die noch richtige handfeste und preiswerte Full-Size-Cars im Programm hatten – da musste dringend etwas geschehen! 

DIE LÖSUNG

 

In ihrer Verzweiflung wandten sich die Dodge-Händler an die Verantwortlichen des Chrysler-Konzerns mit der Bitte um schnellstmögliche Hilfe, im Klartext ein Full-Size-Auto unter dem Dodge-Label. Es ist nicht überliefert, wie viele Überstunden die entsprechenden Abteilungen leisten mussten, aber zum „Midyear“, also in der Mitte des ´62er Modellzyklus´, stand der neue große Wagen bereits bei den Händlern: Der Dodge Custom 880, eine eigenwillige Mischung aus der Vorjahres-Front des Polara und den Formen des 1962er Chryslers ab der A-Säule.

Diese mit der heißen Nadel gestrickte Notlösung widersprach im Prinzip dem ungeschriebenen Gesetz jener Tage, jedes Jahr ein komplett neues Modell heraus zu bringen. Das Risiko, 1962 von seinem Nachbarn in der Wohnsiedlung belächelt zu werden, weil man ein Auto fuhr, das eindeutig die längst aus der Mode geratene Front von 1961 trug, war schon sehr groß und dürfte wiederum etliche potentielle Käufer abgeschreckt haben.

Davon abgesehen präsentierte sich der neue große Dodge elegant, mit stimmigen Linien und - wie früher auch bei DeSoto üblich – mit zusätzlichem Chromzierat als Zeichen des besonderen Luxus´. Als billigster Custom 880 fungierte 1962 der viertürige Sedan (2.964 Dollar), gefolgt vom zweitürigen Hardtop Coupe (3.030 Dollar), dem viertürigen Hardtop Sedan (3.109 Dollar) und dem Convertible Coupe für 3.251 Dollar. Die teuerste Art, einen Custom 880 zu fahren, bot der sechssitzige Station Wagon für 3.292 Dollar, getoppt nur noch vom Neunsitzer Station Wagon für 3.407 Dollar.

Insgesamt entstanden 1962 immerhin noch 17.505 Dodge Custom 880 (zum Vergleich: Dodge Polara 500 nur 12.268 Exemplare), ein respektables Ergebnis für den spät gestarteten Zwitter. Bereits für 1963 bekam der Custom 880 ein eigenständiges Front-Design, 1965 wurden die letzten 880er, nur mehr als Hardtop Coupe und Hardtop Sedan, gebaut. 

DAS MODELL DES DODGE CUSTOM 880 VON 1962

 

Zunächst einmal sollte man sich bei einem Projekt dieser Art darüber im Klaren sein, dass mindestens zwei relativ seltene und teure Modelle zersägt und mit zweifelhaften Aussichten auf Erfolg wieder verheiratet werden müssen. In diesem Fall handelt es sich um das ´62er Chrysler 300 Hardtop Coupe aus der „USA Oldies“- Serie von Jo-Han, ein Kit, der immer seltener zu finden ist und ständig an Wert gewinnt. Noch schwieriger wird es beim zweiten „Opfer“, dem 1961er Dodge Dart Phoenix Hardtop Coupe von XEL, einem Jo-Han-Ableger, der bis in die frühen ´90er Jahre Nachgüsse alter Jo-HanPromos in geringen Stückzahlen fertigte – beides also echte Liebhaberstücke, die man nur zum Erreichen eines noch höheren Zieles opfert…?!?

Wer das so akzeptiert hat, greift frohgemut zur Säge (oder zum Mini Dremel) und trennt als erstes die Front des ´61er Dodge vom Rest der Karosserie, am besten ca. 1 mm hinter der vorderen Türgravur. Dieser kleine Abstand ist deshalb sinnvoll, weil die beiden Sägeschnitte an den vorderen Türgravuren des Dodge und des Chryslers nie ganz exakt gleich werden und man sich so später mit der Feile ganz langsam und exakt an die Türgravur heran tasten kann, so dass sie unter günstigen Umständen nicht mehr nachgraviert werden muss. Im zweiten Arbeitsschritt wird dann das Frontteil des Chryslers abgetrennt, schlüssigerweise ca. 1mm vor der Türgravur.


Interessanterweise passen die Kotflügelwölbungen der beiden Modelle absolut exakt zueinander, wohl mit ein Grund, warum beim Original genau diese Kombination gewählt wurde. Mit der feinen Halbrundfeile tastet man sich nun langsam und möglichst genau an die vorderen Türgravuren beider Seiten heran, bis die beiden Teile passgenau unter Beibehaltung einer gleichmäßig tiefen und breiten Türspalte zusammen passen.

Nachdem der Klebstoff zum Zusammenbau im Türspalt eher kontraproduktiv wäre, wird von innen dünnes Plastiksheet eingeklebt, auch um das Ganze zu stabilisieren.

Um das Erscheinungsbild des Custom 880 zu erreichen, müssen noch die 300er-Zierleisten und das Emblem vom hinteren Kotflügel sorgfältig weggeschliffen werden. Die durchgehende Zierleiste des Vorbilds entsteht aus feinen Evergreen-Profilleisten, vorne und hinten spitz zulaufend und später mit Bare Metal Foil verchromt. Weitere modellspezifische Zierleisten befinden sich an den beiden Schwellern und am unteren Rand des Kofferraumdeckels, ihre exakten Nachbildungen entstehen aus der etwas stärkeren Ultra Bright-Folie. 


Soweit lässt sich der Werdegang dieses Modells noch ganz gut handhaben, und doch stößt der engagierte Modellbauer jetzt an die Grenzen seines Tuns. So trägt der originale Dodge Custom 880 die Front des ´61er Polara, die vor dem vorderen Radausschnitt um ca. 10 cm länger ist als die des Dodge Dart. Nachdem das XEL-Modell aber den Dart zum Vorbild hat, fehlen am Modell etwa 4 mm vom Radausschnitt bis zur Vorderfront. Diese 4 mm wären aber wichtig, weil der Custom 880 genau in diesem Bereich ein Zier-Emblem aus fünf nebeneinander stehenden, senkrecht angeordneten Elementen trägt. Die Front zu verlängern dürfte sich allerdings aufgrund ihr extrem komplexen Form als überaus schwierig erweisen und ist wohl nur für Plastikchirurgie-Professoren vom Schlage eines Günther Eberhardt realisierbar.

 

 Der Kompromiss: Die Front bleibt unangetastet, das Emblem wird auf vier Elemente gekürzt und der Gesamteindruck bleibt einigermaßen erhalten.


Noch nicht lösbar war zum Zeitpunkt des Baus dieses Modells das Problem der Dodge-Schriftzüge, die sich an beiden hinteren Kotflügeln über der Zierleiste und auf dem Kofferraumdeckel befinden. Versuche mit Folienabdrücken der Schriftzüge anderer Dodge-Modelle schlugen ausnahmslos fehl, das Freihandschreiben auf dem Modell schied als zu risikobehaftet aus. Immerhin besteht aber die Hoffnung, dass es eines Tages solche Schriftzüge als Fotoätzteile gibt, die dann natürlich sofort ergänzt werden.

 

 

Als zusätzlicher Gimmick wurde die Motorhaube aus der ´61er Dodge-Front getrennt und beweglich gestaltet


Das komplette Fahrwerk einschließlich des Motors ließ sich ohne Änderungen vom ´62er Chrysler übernehmen, die Achsen und die Räder/Radkappen stammen – leider auch nicht ganz korrekt – vom XEL-Promo. Auch die Innenausstattung einschließlich des Armaturenbretts wurde von XEL übernommen, eine Entscheidung, die noch reichlich Raum für Ergänzungen und Verbesserungen lässt.

Wer solche Eigenbau-Projekte kennt, weiß auch, dass Modelle dieser Art eigentlich nie ganz fertig werden – es gibt immer wieder was zu ergänzen, zu verbessern, zu ändern oder gänzlich anders zu machen – so auch hier! 

Wer nun Lust auf mehr Umbauten nach realen Vorbildern bekommen hat, dem seien drei Autos ans Herz gelegt:

 

 

Der DeSoto Diplomat von 1959, eine Kombination aus der DeSoto-Front dieses Jahres mit dem Heck des ´59er Plymouth


 

 

Der Dodge Kingsway von 1959, der die Front des Dodge mit dem Heck des ´59er Plymouth kombiniert


Hier kämen folgende XELModelle zum Einsatz: 1959er DeSoto Fireflite, 1959er Dodge Custom Royal und 1959er Plymouth Fury.

Die beiden Original-Autos bot Chrysler seinerzeit nur auf Exportmärkten wie Kanada oder Südamerika an.

Dritter im Bund der möglichen Umbauten ist der „El Morocco“, ein Exot mit der Front des 1956er oder ´57er Chevrolet Bel Air und dem (nachempfundenen) Heck des 1957er Cadillac Eldorado Brougham. Bauen ließe sich dieses interessante Modell mit einem beliebigen ´56/57er Chevy von Revell, AMT oder Monogram und dem Cadillac Eldorado Brougham von Revell.

 

Wer in der Automobil-Historie ein Stück tiefer schürft, findet sicher noch mehr lohnende Objekte für die Säge oder den Dremel – no risk, no fun!!!



Modelle, Text und Bilder: Gerhard Hoffmann, Bachmehring

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Kommentare: 6
  • #1

    ChV (Donnerstag, 18 April 2019 21:17)

    Dr. Frankenstein, ich gratuliere atemlos zur gelungenen Genese. Das ist doch ein netter Kompromiß und gut dargestellt.
    Kann mich noch erinnern, wie ein Auto nach wenigen Monaten „alt“ war. Bei uns in Europa halt nach spätestens 5 Jahren. Kein Wunder, daß die Amerikaner den klassen- und zeitlosen Käfer liebten. Dennoch, gerade bei dem waren die jährlichen Mini-Updates „auto motor und sport“ Seiten wert.
    Heute gibt’s Rückdatierungs-Kits und ich bin stolz, daß mein jüngstes Auto 10 Jahre alt ist...
    Denke, ab 1973 haben wir die Zukunft etwas eingebüßt. Und heute, mit autonomen Fahren und CO2-Religion...
    Herzliche Grüße, Christian

  • #2

    rainer (Freitag, 19 April 2019 09:43)

    Oh, Mann oh Mann,
    der Gerd kann's noch ....immer noch (und immer nöcher)
    Er kann sein meisterliches Wissen und Können nicht verstecken. Das Projekt 880 ist ein absolutes Highlight. Da kann man nur den Hut ziehen oder vor Neid erblassen.
    Gratulation.
    herzliche Grüße (...mei, bin ich blass)

  • #3

    Günther (Freitag, 19 April 2019 11:00)

    Der Guru ,der Michelangelo der Pinsellackierung, einer der ganz wenigen der diese schwierige
    Kunst perfekt beherrscht, und auf die Spitze treibt ,fängt jetzt an, auch noch seinen Doktor in
    Plastikchirurgie zu erringen.Nichts wird Ihm ab jetzt unmöglich sein...
    Nomen est Omen, den Titel Guru hab ich Ihm ja nicht umsonst schon kurz nach dem Kambrium
    verliehen.Dieser 880 wird meine Träume noch lange heimsuchen.Schlimm ist auch ,daß er mir das Kunstwerk bei meinem Besuch neulich,
    nicht als Dauerleihgabe für die nächsten 99 Jahre mitgeben wollte. Gratulation, Guru, hast Du gut hingefingert, dasDing

  • #4

    Oliver Löbert (Freitag, 26 April 2019 10:03)

    Dr. "Styrene" Hoffmann hat eine Operation am offenen Herzen von zwei Plastikpatienten höchst erfolgreich zu Ende gebracht. Leider ist dabei der Patient Namens Chrysler verstorben aber dem Anderen, Hr. Dodge geht es bestens seit der Organspende. Er wurde sogar noch um ein Jahr verjüngt was den Doktor auch noch zum Schönheitschirurgen kürt.
    Hat auch etwas von Dr. Frankenstein, aus verschiedenen Leichenteilen was kpl. Neues machen....
    Eigentlich wäre der Dodge nun ein Kandidat zum Abgießen und weiterverkaufen. Somit hätte sich die Arbeit auch noch lukrativ gelohnt. Wäre bestimmt weggegangen wie warme Semmeln. Warum kam da nie jemand Anderes (z.B. Modelhaus) vorher darauf? Aber nun ist er ja schon fertig und somit zu schade zum Abformen. Was machst du jetzt eigentlich mit der 62er Chrysler Front und dem 61er Dodge Heck? Ich hätte da eine Idee.....Grins hehehe

  • #5

    Reinhold (Montag, 06 Mai 2019 13:32)

    Gerhard, Du machst es richtig: getreu dem Motto, was nicht passt, wird passend gemacht ist hier ein einmaliges Stück entstanden. Und ob nun eine Zierleiste zu wenig, ein Schriftzug nicht mit drauf ist oder ähnliches möge manchen Puristen sicherlich stören - mich nicht. Im Gegenteil: Ein nicht "hundertprozentig" perfektes Modell ist mir lieber, als ein (scheinbar) perfektes, wo der "Schöpfer" jahrelang dran rum gefeilt, geklebt und lackiert hat (von solchen Typen habe ich schon gehört...!) und trotzdem keine Freude mehr am Hobby hat, weil irgendwas halt doch net so ganz stimmt....
    Bei mir trägst Du damit "Eulen nach Athen" - hab auch mal wieder Lust auf einen Umbau - wo ich schon vorher weiß, dass der auch keinen Modellbau-Oskar gewinnen wird...weiß nur noch nicht, welches Opfer dran glauben muss.

  • #6

    Gerhard (Sonntag, 12 Mai 2019 00:00)

    Da hab´ ich extra ein paar Vorschläge dran gehängt (DeSoto Diplomat und Dodge Kingsway), die a) bestimmt keiner kennt und b) mit den entsprechenden, im Bericht genannten XEL-Modellen relativ einfach zu realisieren wären. Beim El Morocco allerdings ist die Verfügbarkeit der beiden Basis-Modelle (´56/57er Chevy, Monogram, AMT oder Revell und Cadillac Eldorado Brougham, Revell) zwar etwas besser, dafür aber der Umbau deutlich schwerer. In jedem Falle hättest Du ein absolutes Einzelstück, und das ist schon eine reizvolle Vorstellung, oder?