1962, 63 Chevrolet Chevy II

1962, 63 Chevrolet  Chevy II

 

Nuova Nova

 

AMT und Trumpeter, Maßstab 1:25

NUOVA NOVA

Die Wiederauflage des 1963er Chevy II Nova Station Wagons von AMT in 1:25 ist Freude und Enttäuschung zugleich – und eine willkommene Gelegenheit, sich mit den anderen Chevy II-Modellen dieses Maßstabs zu beschäftigen!

Der Chevy II


Der große Erfolg der europäischen Importwagen, unter anderem von Volkswagen und Renault, sowie die steigenden Verkaufszahlen der kleinen Modelle von Rambler und Studebaker zwang die „Großen Drei“ General Motors, Ford und Chrysler gegen Ende der ´50er Jahre zum Umdenken. So stellten sie im Herbst 1959, also zum Modelljahr 1960, ihre eigenen „Compact Cars“ vor, die unterschiedlicher nicht hätten ausfallen können. Chevrolet setzte beim Corvair auf eine gewagte Konstruktion mit Pendelachse und Sechszylinder-Motor im Heck (der Käfer ließ grüßen!), Ford versuchte es beim Falcon mit konventioneller Hausmannskost (Motor vorne, Antrieb hinten, Starrachse) und Chrysler setzte beim Valiant auf bewährte Technik in einer aufregend gestylten Karosserie.

Schon kurz nach der Einführung des Corvair schrillten bei den Marketing-Strategen von Chevrolet die Alarmglocken: Das aufwendig konstruierte Compact Car verkaufte sich im Vergleich zum seinen beiden einfacher aufgebauten Konkurrenten eher schleppend. Um auf dem heiß umkämpften Markt bestehen und die angestammte Führungsposition halten zu können, musste ein weiteres, konventionell aufgebautes Compact Car her. In der Rekordzeit von knapp zwei Jahren stampfte die Entwicklungsabteilung daher den „Chevy II“ genannten neuen „Kleinwagen“ aus dem Boden.

Zum Modelljahr 1962 erschien der Chevy II zunächst in drei Serien: „100“ als billigste Version ab 2003 Dollar mit einem 90 PS starken Vierzylinder-Motor, „300“ als mittlere Modellreihe mit Vier- oder Sechszylinder-Motor (letzterer 120 PS) und „Nova 400“ als Luxus-Ausführung nur mit Sechszylinder und zu Preisen zwischen 2198 und 2475 Dollar. Die beiden Serien 100 und 300 gab es als zwei- und viertürige Sedans sowie Station Wagons, den Nova darüber hinaus auch als „Sports Coupe“ und „Convertible“. Alle Motoren waren mit einer Dreigang-Handschaltung oder einer Zweigang-Automatik kombinierbar.

Unter der Leitung von Bill Mitchell geriet das Design des Chevy II zwar hoch elegant, aber – im Lichte der Zeit betrachtet – eher unspektakulär. Die wie mit dem Lineal gezogenen Linien der Flanken und die an den Enden spitz zulaufenden Kotflügel fanden 1963 sogar ihren Weg in das Design der Fullsize-Modelle Biscayne, Bel Air und Impala – ja, sogar die Deutschen kamen in den Genuss dieses Stylings: Sowohl der Opel Rekord A/B von 1963 bis ´65 als auch die erste KAD-Reihe (Kapitän, Admiral, Diplomat) von 1964 nahmen die Linien des Chevy II auf.

1963 blieb es im Großen und Ganzen bei der im Vorjahr eingeführten Modell-Hierarchie, abgesehen von den üblichen Retuschen am Kühlergrill, den seitlichen Zierleisten und dem Fahrzeugheck. Auch an der Motorisierung mit den Vier- und Sechszylinder-Motoren änderte sich noch nichts. Erstmalig – und leider auch schon zu letzten Mal – gelang es dem Chevy II, den „Erzfeind“ von Ford, also den Falcon, in den Verkaufszahlen zu übertreffen. Nach diesem Höhepunkt stürzte die Beliebtheit des Chevy II 1964 allerdings um fast 50 Prozent ab – ein selbst verschuldetes Dilemma, verursacht durch die Einführung des höchst erfolgreichen Intermediate-Modells Chevelle/Malibu.

Die zum Modelljahr 1964 hastig eingeführten „SS“ (Super Sport)-Modelle änderten zunächst wenig an den enttäuschenden Verkaufszahlen, brachten aber im Schlepptau der immens erfolgreichen Impala- und Chevelle SS-Modelle eine gewaltige Image-Aufwertung. Mit einer sportlicheren Gesamtabstimmung, einem neuen Armaturenbrett mit Zusatz-Instrumenten, den begehrten SS-Emblemen an Front und Heck sowie einer ganzen Palette an (pseudo)-sportlichem Aftermarket-Zubehör traf der Nova SS genau den Nerv der Zeit im aufkeimenden Muscle Car-Markt. 

1965 verabschiedete sich der Chevy II letztmalig als „Serie 100“, Nova 400“ und „Nova SS“ im alten, nur geringfügig modifizierten Gewand von 1962, nun allerdings auch wahlweise mit einem Achtzylinder-Motor. 


1966 erschien eine neue, etwas größere Karosserie, die Typenbezeichnung „Chevy II“ wurde offiziell fallen gelassen und durch „Nova“ ersetzt. 1968 schließlich brachten eine  in allen Dimensionen vergrößerte Karosserieform und eine gnadenlos sportliche Vermarktung die Trendwende: Motorsportliche Erfolge, stärkere Motoren und ständig wachsende Ausmaße hielten den Chevy Nova, der als kleiner „Chevy II“ begann, bis in die ´80er Jahre hinein aktuell.

Die Annual-Kits des Chevy II

Von der Einführung des Chevy II im Jahr 1962 als Coupe und Cabriolet bis hin zum Nova Station Wagon von 1963 begleitete AMT den Werdegang des Compact Cars mit Annual-Bausätzen und Werbemodellen, um für 1964 auf die neue Chevelle umzusteigen. Das Hardtop Coupe sowie das Convertible des Jahres 1962 erschienen in der damals üblichen Einheitsschachtel, deren Seitenteile einen Abriss der zahlreichen im Bausatz enthaltenen Custom- und Racingteile gaben. Interessanterweise besaßen die Chevy II-Promos von AMT 1962 und 1963 separat eingesetzte Motorhauben – eine Praxis, die wohl aus Gründen der Kostenersparnis beim Formenbau eingeführt, aber schon bald wieder verworfen wurde. Bei Sonneneinstrahlung neigten die sehr dünn ausgeführten Haubenteile, dazu, sich zu verziehen, was das Gesamtbild des Modells und damit auch dessen Werbewirksamkeit erheblich beeinträchtigte.

Auch 1963 gab es den Coupe- und Convertible-Kit des Chevy II noch in der – optisch etwas veränderten – Einheitsschachtel, wiederum mit einer unglaublichen Menge an Zubehörteilen, wie die Seitenteile der Boxen zeigten. Das „AMT New Customizing Team“ umfasste 1963 die vier absoluten Größen dieser Szene: Alexander Brothers, George Barris, Bill Cushenbery und Gene Winfield. Und am Ende des Bauplans gaben die Vier Tipps, wie sich das jeweilige Modell mit Teilen aus anderen AMT-Bausätzen dieses Jahres noch weiter individualisieren ließe – ein extrem kluger Schachzug zur Steigerung des Umsatzes!

Eine absolute Sonderstellung nimmt der 1963 zusätzlich erschienene Chevy II Nova Station Wagon ein. Seine Schachtel weicht vom ansonsten sehr starren System der Annual-Einheitsverpackungen ab und setzt stattdessen die Tradition der Station Wagons als Werkstattwagen für den Rennsport fort. Wir erinnern uns: Bereits 1961 erschien der Buick Special Station Wagon mit einem Werkstatt-Anhänger und einer unglaublichen Menge an Zubehörteilen, sehr zur Freude der Dioramen-Bauer. Dieses Prinzip wurde 1962 beibehalten, wiederum mit dem aktuellen Buick Special Station Wagon als Hauptdarsteller.


Für 1963 wechselte AMT vom Buick Special zum Chevy II Nova Station Wagon und behielt das Prinzip des Werkstattwagens bei, nicht ohne zusätzlich noch einige Customteile der Annual-Kits beizulegen. Das alles ergab eine bis an den Rand gefüllte Box, ein wahres Paradies für alle Motorsport-Freunde, Veredler und Customizer.  So gab es unter anderem den aus den Vorjahren bekannten Werkstatt-Anhänger, einen in fünf (!) Versionen zu bauenden Chrysler-V8-Rennmotor einschließlich Ausstellungsständer, Benzin- und Ölkannen, Sauerstoffflaschen und Werkzeugkästen sowie Custom Parts für Front und Heck, Fender Skirts, Zusatzfelgen, Dachlichter und vieles mehr – ein phantastisches Beispiel für die euphorische Zeit des Automodellbaus zu Beginn der ´60er Jahre!



Die Wiederauflage des Chevy II Nova Station Wagons

Und damit sind wir schon bei der Wiederauflage des Chevy II Nova Station Wagons von AMT/Round 2, die 2020 nach endloser Wartezeit erschien. In Anbetracht des oben beschriebenen Bausatzes von 1963 musste dieser von vielen zwar sehnlichst erwartete, aber auf das absolute Minimum abgespeckte „Craftsman Plus“-Kit zwangsläufig eine Enttäuschung werden. Die „Craftsman Plus“-Versionen der „Full Detail Annual Kits“ waren ja im Prinzip nichts anders als eine späte Zwischenverwertung der Annuals in der Form zerlegter Promos ohne Motornachbildung oder zusätzliche Customteile, bevor die Form dann endgültig für ein „Funny Car“ oder einen „Modified Stocker“ zerstört wurde – dazu gleich mehr…


Immerhin muss sich jemand bei der Wiederauflage des Chevy II Nova Station Wagons die Mühe gemacht haben, die eigentlich für den „Boss Nova“ abgeänderten Werkzeuge mit überdimensionalen hinteren Radausschnitten wieder in die Stock-Form zurückzubauen. 

 

 

 

Tatsächlich erkennt man beim direkten Vergleich der Karosserie des 1963er Kits mit der der Wiederauflage, dass es im Bereich des Motorraums erhebliche Unterschiede gibt (siehe Abbildung). 


So halten sich bei der Wiederauflage des Chevy II Nova Station Wagons Lust und Frust die Waage: Die Lust, dieses feine Wägelchen endlich bauen zu können und der Frust, dass es diesen Bausatz auch noch viel besser und umfangreicher gegeben hätte!

Was es sonst an Chevy II-Modellen in 1:25 gab

2003 überraschte die Firma „Trumpeter“, der chinesische Produzent von Militärbausätzen die Automodellbauer mit dem Beginn einer Serie von US-Cars im Maßstab 1:25. Als erstes Modell erschien der 1960er Pontiac Bonneville als Convertible und Hardtop Coupe, wobei letzteres mit einer total verunglückten Dachform keine Begeisterungsstürme auslöste. Darauf folgten in unregelmäßigen Abständen weitere US-Car-Bausätze: 2004 der Chevy II Nova als Coupe und Convertible, danach ein 1978er Chevy Monte Carlo Coupe und schließlich der 1964er Ford Falcon Futura Sprint, ebenfalls als Coupe und Cabrio sowie in einer Ranchero- und einer Custom-Ausführung erhältlich. Danach war leider Schluss und es steht zu befürchten, dass Trumpeter auf diesem Sektor auch nichts Neues mehr plant.

Wer die riesige, sehr attraktiv gestaltete Schachtel der beiden Chevy II- Bausätze öffnet, wird zunächst von der enormen Teilezahl dieser Kits überrascht sein: Im Inneren tummeln sich weit über 150 Bauteile in weiß, chrom, klar und transparent-rot sowie Fotoätzteile für Schriftzüge, Embleme und die Scharniere der Motorhaube. Des Weiteren sieht der Bausatz einen beweglichen Kofferraumdeckel und passende Einsätze für die Weißwandreifen vor, ergänzt durch lenkbare Vorderräder. Dass die SS-Option erst im Modelljahr 1964 eingeführt wurde, Trumpeter den Chevy II Nova aber als 1963er Modell kennzeichnet, darf in diesem Zusammenhang nicht stören: Es könnte sich ja um ein sehr spät im Jahre 1963 ausgeliefertes Modell des ´64er Jahrgangs handeln?!?


Bei der Detaillierung des Sechszylinder-Motors, seines Umfelds, des Fahrwerks, der Auspuffanlage und des Innenraums leistet sich Trumpeter keine Schwächen. Alle wichtigen Komponenten sind vorhanden und lassen sich auch gut sowie passgenau zusammenfügen. Schwierig gestaltet sich lediglich die „Hochzeit“ der Fahrwerkseinheit mit der Karosserie, da viele der an sich sehr schönen Details im Wege sind und sich bei leisestem Druck verabschieden. 

Gänzlich aussichtslos gerät allerdings der Versuch, nach Bauplan die Fotoätzteile für das Motorhauben-Scharnier zu biegen, beweglich zu halten und dann auch noch so einzubauen, dass die Haube ohne störende Spalten aufliegt. 



Trotzdem dürften die Bilder der beiden gebauten Modelle beweisen, dass es sich bei diesem Kit um ein sehr gut gemachtes Exemplar handelt- - zumal es ja beim Chevy II kaum Alternativen gibt!



Bei den letzten beiden Kits dieser kleinen Abhandlung müssen die Stock-Fans jetzt richtig stark sein: Wie bereits oben erwähnt, handelt es sich hier um die Endverwertung einer einst stolzen Annual-Form. Was mit dem ´63er Chevy II Nova Coupe passiert ist, zeigt der „Rat Packer“ aus der „Street Freaks“-Serie ganz deutlich. Bei dieser Art der Funny Cars wandert der hintere Radauschnitt weit nach vorne („Altered Wheelbase“) und verändert so das Erscheinungsbild des Fahrzeugs nicht zu seinem Vorteil. Unter der ansonsten serienmäßig gebliebenen Karosserie steckt ein reinrassiges Dragster-Fahrwerk mit einem bis zum Bersten aufgeblasenen Motor, einzig dem Zwecke der kürzest möglichen Überwindung einer Viertelmeile geschuldet.


Dieser Kit stammt aus den späten ´70er Jahren und dürfte das endgültige Verschwinden einer serienmäßigen Chevy II Nova Coupe-Karosserie bedeuten. Immerhin liest sich die Erklärung „What in the World is a Street Freak“ auf einem der Seitenteile recht amüsant, spiegelt sie doch den Zeitgeist der wilden ´70er perfekt wider!

Jahrzehnte später, genau genommen im Jahr 2004, erschien unter dem Label „AMT/Model King“ der „Boss Nova“ als „Mid Engine Powered Draggin´ Wagon“. Dabei handelt es sich um einen Mittelmotor-Dragster mit Kompressor-Motor, dessen Ansaugöffnung über das Dach hinausragt. Die hinteren Radausschnitte mussten dabei riesigen runden Löchern weichen, die die überdimensionalen Dragster-Reifen aufnehmen. Immerhin brachte der Boss Nova einige aus dem 1963er Kit bekannte Zubehörteile zurück: Öl- und Benzinfässer, einen Werkzeugkasten, einen Helm und eine Gesichtsmaske.


An der Karosserie fällt auf, dass sowohl die seitlichen Zierleisten als auch die geriffelte Schwellerleiste sowie alle Embleme und Schriftzüge eliminiert wurden.  Ob diese Karosserie für die Wiederauflage des Chevy II Nova Station Wagons wieder in einen serienmäßigen Zustand zurückversetzt oder auf ihrer Basis eine neue entwickelt wurde, bleibt das Geheimnis der Round 2-Formenbauer – immerhin lässt sich der interessante kleine Kombi jetzt auch wieder in der Stock-Version bauen!

Bau des Chevy II Nova Station Wagons von AMT und der beiden Trumpeter Chevy II-Modelle: Peter Neumann, Kiefersfelden

 

 

Text und Bilder: Gerhard Hoffmann, Bachmehring

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Kommentare: 2
  • #1

    rainer (Donnerstag, 15 Juli 2021 09:08)

    Es ist wirklich sehr wertvoll den lieben Gerd in unseren Reihen zu wissen. So kommen wir immer wieder in den Genuss, seine interessanten Beiträge zu genießen. Vielen Dank an ihn, den Guru, ...irgendwie und sowieso.

  • #2

    Christian (Samstag, 17 Juli 2021 13:50)

    Cooler Beitrag, lieber Gerd, herzlichen Dank. Das Thema kommt meiner Vorliebe für kleine Autos entgegen, auch wenn „klein“ hier relativ ist. Schönstens gebaut, Deine Modelle, eigentlich wie gewohnt, Respekt.
    Die Dragster finde ich als Ergänzung schon cool, bin halt einer von den Custom-Perversen, wie ihr wisst.
    Ein vom Stock abgeleiteter Mild Custom Station Wagon, der einen der Dragster zum Strip zieht, wäre schon überlegenswert…
    Herzliche Grüße, derzeit aus Moskau, Christian
    PS: folge von überall unserer kleinen Gemeinde.